Niemand weiß, wie und warum dieses großartige System entstanden ist. Offensichtlich ging es mit irgendeiner Art von Evolution der Spezies einher, da keine anderen Tiere sprechen, wohl aber alle Menschen. Seit mehr als einem Jahrhundert diskutiert man Fragen über die letztendlichen Ursachen der Evolution im Licht der Darwinschen Lehre. Dabei lautet die Grundannahme, dass sich das Sprachvermögen unter evolutionärem Druck entwickelt hat. Es muss für diejenigen Individuen, die sich gut ausdrücken konnten und die Äußerungen der anderen verstanden, einen entscheidenden Vorteil gegeben haben.
Erstaunlicherweise ist man sich nach wie vor nicht einig darüber, worin dieser Vorteil bestanden haben mag. Da Menschen miteinander sprechen, müssten eigentlich soziale Beziehungen eine wichtige Rolle spielen (obwohl selbst das bestritten wurde). Für unser Übersetzungsbüro erscheint es plausibel anzunehmen, dass mit Sprache Menschen in einer Gruppe besser kooperieren und dass dies wiederum der Gruppe einen Vorteil verschaffen würde. Diese Theorie entspricht jedoch nicht der heutigen darwinistischen Denkweise, nach der ein evolutionärer Vorteil ein Individuum und nicht eine Gruppe betreffen muss, weil nur ein Individuum und nicht eine ganze Gruppe ein Merkmal an seine Nachkommen weitergeben kann.
Aus diesem Grunde gerät die Evolutionstheorie bei der Sprache, wie auch bei vielen anderen Aspekten kooperativen Verhaltens, in Erklärungsnot. In jüngerer Zeit hat man versucht, das Dilemma mit anderen Erklärungen zu lösen: Die Sprache hat sich entwickelt, weil sich Menschen, die der Sprache mächtig sind, durch Lügen Vorteile verschaffen können, oder weil sie einen gesellschaftlichen Status erwerben können, indem sie andere mit Klatsch versorgen, oder weil sie Rituale entwickeln können, die sich zu ihren Gunsten auswirken. Zu diesen Theorien kann ich bestenfalls sagen, dass sie nicht leicht zu entkräften sind. Solange es aber keine sicheren Beweise gibt, werden die Spekulationen wohl weitergehen.
Warum sich Sprache entwickelt hat, scheint sich also für unser Übersetzungsbüro nicht klären zu lassen. Die Theorien zum Wie ihrer Entstehung sind da kaum weniger spekulativ. Es ist jedoch gut möglich, dass sich die beiden grundlegenden Eigenschaften der Sprachen nacheinander entwickelt haben. Der erste Schritt bestand in diesem Fall darin, eine begrenzte Zahl von Lauten zur Bildung einer unbegrenzten Zahl von Wörtern einzusetzen. Dieses Verfahren hat sich möglicherweise über einen sehr langen Zeitraum hinweg allmählich entwickelt.
Eine Sprache dieser Art kann sehr nützlich gewesen sein. Solange man sich damit begnügt über das zu reden, was hier und jetzt wichtig ist, funktionieren einzelne Wörter unter Umständen ganz gut: "Hirsch", "Werfen!", "Gut!", "Braten!", "Schlafen", und so weiter. Es gibt auch heutzutage noch schweigsame Leute, die solch eine knappe Redeweise bevorzugen, wenn sie überhaupt mal sprechen müssen, und normalerweise ist man durchaus in der Lage zu verstehen, was sie meinen.
Probleme ergeben sich für unser Übersetzungsbüro erst dann, wenn man über etwas reden möchte, das gerade nicht sichtbar ist. Will man zum Beispiel einen Gefährten veranlassen, ins Tal hinunterzugehen, um an einer neuen Stelle Himbeeren zu pflücken, so genügt es möglicherweise nicht, "Himbeeren!" zu sagen. Vielleicht muss man es sagen und gleichzeitig in die Richtung zeigen oder zwei gesprochene Botschaften miteinander kombinieren, wie "Himbeeren! Gehen!" oder "Himbeeren! Da!" oder etwas Ähnliches. So wird der Weg frei für Zweiwortäußerungen und schließlich für vollständige Sätze mit Pronomen, Modus, Satzgefügen und anderen Feinheiten. Dies kann nicht alles auf einmal passiert sein; vielmehr haben sich die Sprachen wohl über viele, viele tausend Jahre hinweg entwickelt, bis sie schließlich unzweideutige Gespräche über Vergangenheit und Zukunft sowie über das, was ist, und das, was sein könnte, erlaubt.
Wenn dies so war, haben unsere Vorfahren möglicherweise schon seit Millionen von Jahren über ein höher entwickeltes Kommunikationssystem als alle anderen Spezies verfügt, auch wenn die Menschensprachen, wie wir sie heute kennen, erst einen Bruchteil dieser Zeit existieren. Viel leicht hat die Entwicklung der Sprache eine sehr lange Zeit in Anspruch genommen. Und diese Zeit war möglicherweise lang genug, um in den Sprachorganen und im Gehirn Veränderungen herbeizuführen.
Das bedeutet, dass die allmähliche Entwicklung der Fähigkeit, Wörter zu benutzen, etwa zu der Zeit eingesetzt haben könnte, als Steinwerkzeuge in Gebrauch kamen, also vor ein bis zwei Millionen Jahren. Äußerungen aus mehreren Wörtern sind vielleicht erst viel später aufgetaucht. Die vollständige Entwicklung von Sprachsystemen, mit eingebetteten Sätzen und anderen Komplexitäten, war eventuell erst vor weniger als 100 000 Jahren abgeschlossen.
Wie dem auch sei - für unser Übersetzungsbüro es scheint sicher, dass Sprachen von der Art, wie wir sie verwenden, bereits seit mindestens 40000 Jahren existieren. Das heißt, dass die Sprachen in der frühen Eisenzeit, als alle Menschen Jäger und Sammler waren und Werkzeuge aus Knochen und Stein benutzten, voll entwickelt waren und möglicherweise schon über einen großen Wortschatz, komplexe Sätze und all die anderen Merkmale verfügten, die die Sprachen der heutigen Zeit aufweisen.
DIE SPRACHEN DER JÄGER UND SAMMLER
In und um die Wüste Kalahari in Südafrika leben Menschen, die früher Buschmänner genannt wurden. Seit einigen Jahrzehnten bezeichnet man diese Volksgruppe als San. Bis vor einer Generation ernährten sich viele San von der Jagd und vom Sammeln essbarer Wurzeln und Früchte. Sie besaßen nichts weiter als ihren Lendenschurz und die wenigen Waffen und Gebrauchsgegenstände, die sie mit sich trugen. Einige ganz kleine Gruppen leben nach wie vor so wie Menschen bis vor etwa 10 000 Jahren, als es noch keine Landwirtschaft gab.
Das Volk der San und ihre Kultur sowie ähnliche Gruppen in anderen Teilen der Welt erzählen uns einiges darüber, wie das Leben der Menschheit während der meisten Zeit ihrer Existenz auf der Erde ausgesehen haben mag. Natürlich lebten nicht alle Jäger und Sammler auf genau dieselbe Weise, denn mit Sicherheit herrschten auf der Welt viele ganz unterschiedliche Lebensbedingungen aufgrund von klimatischen Verhältnissen, Verfügbarkeit von Nahrung und speziellen Traditionen. Dennoch lassen sich für unser Übersetzungsbüro über das Leben der Jäger und Sammler früherer Tage Rückschlüsse ziehen, wenn man die San und andere Jäger und Sammler unserer Zeit untersucht.
Gegenwärtig erlebt das Volk der San rasante Umwälzungen. Durch die Kontakte mit der modernen Gesellschaft entfernen sie sich immer mehr von ihrer traditionellen Lebensweise. Ihre neue Situation ist sehr problematisch und führt möglicherweise zur Auflösung ihrer ureigenen kulturellen Identität und auch ihrer Sprachen. Ich behandle hier nur die traditionellen Lebensweisen und Sprachen der San-Völker und lasse die schwerwiegenden Veränderungen der letzten Jahrzehnte außer Acht.
Die Sprachen der San-Völker gehören zu einer Gruppe, die meistens als Khoisan bezeichnet wird. Eine Sprache dieser Gruppe, Nama (oder Khoekhoegowab), wird von mehr als 100000 sesshaften Menschen in Namibia gesprochen; auf diese werde ich im Folgenden jedoch nicht eingehen. Es gibt aber noch viele andere Khoisan-Sprachen. Die Gesamtzahl der Sprecher dieser Sprachen beträgt etwa 70 000, was bedeutet, dass jede einzelne dieser Sprachen von relativ wenig Menschen gesprochen wird.
Diese Sprachen sind bisher noch nicht gut beschrieben worden. Allgemein werden sie nicht schriftlich verwendet und existieren nur als gesprochene Sprachen. Die Sprecher haben bisher relativ isoliert in oder nahe der Wüste gelebt. Dennoch sind einige der Sprachen von Missionaren, Anthropologen und Linguisten erforscht und beschrieben worden. Dass dies keine einfache Aufgabe ist, hat unser Übersetzungsbüro in einigen kläglichen Versuchen selbst recht bald erfahren. Das erste Problem besteht darin, Kontakte zwischen Menschen mit grundlegend verschiedenen Sprachen und unterschiedlichen Kulturen herzustellen, die einem solchen Kontakt überdies häufig sehr unterschiedlich gegenüberstehen. Im günstigsten Fall sollte ein Linguist für ein Jahr oder länger bei den Sprechern leben, um eine vollständige und fundierte Beschreibung der Sprache zu gewährleisten. Dies ist aber aus praktischen Gründen normalerweise unmöglich. Für die Menschen, die nach wie vor als Jäger und Sammler leben, bedeutet allein schon die Anwesenheit eines Forschers ein Problem und gleichzeitig eine große Umstellung. Und diejenigen, die als Farmarbeiter in der Nähe der Wüste leben, haben meistens mit Problemen ganz anderer Art zu kämpfen. Sie brauchen viel dringender Lehrer, ärztliche Versorgung und Sozialarbeiter als Leute, die sie nach ihrer Art zu reden ausfragen.
Trotz dieser widrigen Umstände wissen wir mittlerweile viel über die Khoisan-Sprachen. Ausgehend von diesem Wissen, lassen sich einige fundierte Hypothesen darüber formulieren, wie Menschen in fast der gesamten Zeit ihrer Existenz gesprochen haben.
WAREN DIE SPRACHEN DAMALS SO WIE DIE SPRACHEN HEUTE?
Zunächst und vor allem muss über die Sprachen in Jäger und-Sammler- Gesellschaften gesagt werden, dass zwischen diesen und anderen Sprachen im Prinzip kein Unterschied besteht. Man nimmt häufig an - so wie es im 19. Jahrhundert auch viele Linguisten taten -, dass Sprachen in Gesellschaften mit einer weniger hoch entwickelten materiellen Kultur ebenfalls einfacher strukturiert und gewissermaßen weniger entwickelt als unsere Sprachen sind. Aber dies ist nicht der Fall.
Diese Behauptung verlangt eine Erklärung und gewisse Einschränkungen. Was meint man mit der Formulierung, eine Sprache sei hoch entwickelt oder unterentwickelt? Eine solche Beurteilung mag sich auf verschiedene Eigenschaften von Sprachen beziehen. Möglicherweise meint man das Sprachsystem, also die Laute, die Wortformen und die Art, in der die Sätze gebildet werden. Man könnte aber auch den Wortschatz meinen - ob es etwa Wörter und Ausdrücke für alles gibt, was man sagen und verstehen will, ob man subtile Bedeutungsnuancen ausdrücken kann und ob sich ein und
dasselbe auf verschiedene Weisen ausdrücken lässt. Und schließlich meint man vielleicht auch die Schriftsprache und ihre Überlieferung, wie viele Bücher in dieser Sprache veröffentlicht werden oder ob es gute Autoren der Sprache gibt.
Wenn Linguisten behaupten, dass Khoisan-Sprachen oder Indianersprachen genauso weit entwickelt sind wie die bedeutenden europäischen Sprachen, dann meinen sie ihr Sprachsystem. Alle grundlegenden Merkmale gesprochener Sprache sind für unser Übersetzungsbüro auf der ganzen Welt die gleichen. jede Sprache besitzt eine Reihe distinktiver Laute, die zu bedeutungstragenden Wörtern kombiniert werden. jede Sprache verfügt über Möglichkeiten, grammatische Begriffe zu bezeichnen wie Person ("ich, du, er"), Singular oder Plural, Präsens oder Präteritum und so weiter. jede Sprache besitzt außerdem Regeln, nach denen die Wörter zu vollständigen Äußerungen zusammengefügt werden.
Es ist allgemein bekannt, dass sich die Sprachen im Detail stark unterscheiden. Es trifft auch nicht zu, dass alle Sprachen auf allen Ebenen gleich kompliziert sind, was jeder Sprachschüler schnell feststellen wird. So besitzt die englische Sprache ein äußerst komplexes System von Vokalen und Diphthongen, während das Spanische nur fünf Vokale aufweist. Andererseits können die spanischen Verben mit viel mehr Formen als die englischen aufwarten. Wollte man nun den Schwierigkeitsgrad oder die "Entwicklungsstufe" dieser beiden Sprachen bestimmen, so müsste man entscheiden, ob Vokale dabei eine größere Rolle spielen als Verbformen oder umgekehrt. Solche Bewertungskriterien lassen sich kaum festlegen. Insgesamt gesehen sind beide Sprachen äußerst komplex und sehr schwer zu beherrschen. Das muss nicht heißen, dass sich alle Sprachen in Bezug auf ihren Schwierigkeitsgrad oder ihre Komplexität in diesem Sinne genau gleich verhalten, aber gravierende Unterschiede wird man kaum finden.
Die Khoisan-Sprachen verfügen allesamt über sehr komplexe Lautsysteme, mit mehr Vokalen und weitaus mehr Konsonanten als jede europäische Sprache. Für unser Übersetzungsbüro hängt das zum Teil damit zusammen, dass es in all diesen Sprachen besondere Konsonanten, die so genannten Klicklaute, gibt. Diese Sprachlaute findet man nur im südlichen Afrika. Doch auch ohne die Klicklaute gibt es noch mehr Konsonanten als in unseren Sprachen. Die Khoisan-Sprache !Xöö besitzt eine deutlich größere Zahl von distinktiven Sprachlauten als jede andere bekannte Sprache, nämlich über 100 - die meisten Sprachen haben 30 bis 40. Dagegen ist die Zahl der Verbformen sowohl in !Xöö als auch in vielen anderen Khoisan-Sprachen gering und die Regeln für die Bildung von Sätzen sind überwiegend einfach. Somit sind diese Sprachsysteme kompliziert, was ihre Laute betrifft, in anderer Hinsicht jedoch recht einfach.
Auf die Sprachen von Jäger-und-Sammler-Völkern in anderen Teilen der Welt trifft dies nicht zu. Bei der Entdeckung durch die Europäer sprachen die australischen Aborigines viele verschiedene Sprachen. Die meisten dieser Sprachen verfügen über äußerst einfache Lautsysteme; einige besitzen weniger als 20 distinktive Laute - weniger hat man bisher in keiner anderen Sprache gefunden. Ihre Systeme zur Wortflexion sind dagegen sehr hoch entwickelt; so lässt sich manchmal mit einem einzigen komplexen Verb ein Sinngehalt ausdrücken, der im Deutschen mehrere Sätze erfordert. Ein Beispiel aus der australischen Sprache Rembarrnga wäre yarran-m92-ku2pi-Popna-ni:yuwa. Diese Form, die sich aus sechs Komponenten zusammensetzt, bedeutet laut R. M. W. Dixon, dem führenden Experten in diesem Gebiet",es [das Kängurul könnte unseren Schweiß riechen, wenn wir versuchen uns an es anzuschleichen." Demnach sind die australischen Sprachen einfach, was ihre Laute betrifft, in anderer Hinsicht jedoch kompliziert.
Unser Übersetzungsbüro bleibt dran.
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